blog
Es war kurz vor Weihnachten. In einem Senioren- und Pflegeheim, das unter der Leitung der
ortsansässigen katholischen Kirchengemeinde damit warb, sich ganz dem Wohl seiner
Bewohner zu widmen.
Helles Neonlicht fiel durch die Fenster des Hauses auf die Einfahrt. Es war Nachmittag an
diesem 3. Adventssonntag und es war bereits dunkel.
Vorweihnachtlich geschmückt war der Eingangsbereich. Typisch halt wie man es kennt aus
vielen katholischen Kirchengemeinden. Vorwiegend selbst gebastelt und immer ein wenig so,
dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man es mit der eigenen üppigen
Weihnachtsdekoration zu Hause vergleicht.
Der Eindruck entstand, dass man hier bemüht war, den alten, kranken und hilfsbedürftigen
Menschen eine behagliche Atmosphäre zu gestalten. Die Mittel waren beschränkt, doch hier
wurde getan was möglich war. Hier konnte man sich geborgen fühlen. Trotzdem…. Getreu
dem Leitsatz der katholischen Kirche… Glaubte man.
Der gewöhnungsbedürftige Geruch, eine Mischung aus altem Mobiliar, Kantinenessen und,
na ja sagen wir es ruhig: Urin! verdrängte den ersten Eindruck und ließ Zweifel an der
Behaglichkeit aufkommen.
Die häufig gedroschene Phrase kam mir in den Sinn: „Vielleicht empfinden es die alten
Menschen ja nicht so.“
Vielleicht? Vermutlich ist es ja alles anders, wenn man erst einmal hier ist. Dann ist man
möglicherweise froh, dass man sich Mühe gibt mit der Dekoration, dem selbstgebastelten
Schmuck, dem endlos dudelnden „Stille Nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet.“ Die
Weihnachtsmusik, die morgens eingeschaltet und pünktlich um 17 Uhr wieder abgestellt wird.
Wieso sollten die Menschen darüber froh sein die letzten Jahre ihres Lebens so zu
verbringen? Vor ihrer Zeit in dieser Einrichtung hatten die Bewohner doch auch ihr Zuhause
liebevoll geschmückt. Das Zuhause, das man aufgelöst hatte, weil es doch soviel besser ist für
sie hier im Heim. Weil sie doch da unter sich sind, weil man sich hier doch intensiv um sie
kümmert.. Wo doch hier jede Woche eine Messe abgehalten wird. Und ……?
An diesem Spätnachmittag kurz vor Weihnachten also waren nur wenige Menschen in dem
geschmückten zugigen Eingangsbereich, denn es war 17 Uhr und Zeit zum „Abendessen“.
Die Bewohner, die noch mehr oder weniger mobil den Speisesaal besuchen konnten, saßen
bereits an ihren Tischen. Tische, die einladend gedeckt mit einer Papierserviette in der Mitte
und darauf dekoriertem Strohstern den wahren Sinn des Weihnachtsfestes vermittelten. Also
nicht verschwenderischer Prunk, unnötige Dekorationen. Sondern Innehalten und dankbar
sein, dieses Weihnachtsfest noch erleben zu dürfen.
So „eindrucksvoll“ der Blick in den Speisesaal, der die hochtrabende Bezeichnung Restaurant
trug, auch war, der Besuch in dieser Einrichtung galt eigentlich einer Frau, die aufgrund ihrer
Demenz schon seit einiger Zeit hier lebte. Die Krankheit nahm ihren Lauf. Sie nahm ihr ihre
Persönlichkeit, die Fröhlichkeit, ihre Lebensfreude. Sie war 76 Jahre alt. Sie konnte sich nicht
mehr alleine bewegen, nicht mehr sprechen, nicht alleine essen oder trinken. Nur liegen.
Es war 17.15 Uhr an diesem Nachmittag. Auf der Station, wo vorwiegend Menschen mit
fortgeschrittener Demenz aber auch hochaltrige Bewohner in pflegebedürftigem Zustand
lebten, lagen alle Bewohner bereits im Bett. Der Vertreter des Pfarrers sei heute da gewesen,
war zu hören. Er habe allen Bewohnern ein Geschenk gebracht. „Nette Geste“ dachte ich
noch. Auch wenn der Pfarrer als Träger der Einrichtung sich selbst hier wohl nie sehen ließ.
Da fiel mein Blick auf den Nachtisch der schwerst pflegebedürftigen demenzkranken Frau. Es
lagen eine Weihnachtskarte, eine Tafel Schokolade und ein kleines Stoffpäckchen darauf. Die
Karte war ein Seriendruck mit Weihnachts-Wünschen der Pfarrei. Die Tafel Schokolade
würde die schwerstkranke Frau niemals essen können. Vielleicht auch ein Glück bei dieser
Billig-Marke. Das Stoffpäckchen allerdings war etwas ganz besonderes. Hier hatte man sich
wirklich einmal Gedanken darüber gemacht, womit man einem sterbenskranken Menschen,
eine Freude machen könnte. Es war eine knallrote Stoff-Einkaufstasche mit der Aufschrift
„DER EINE TRAGE DES ANDEREN LAST“. Kein Zusatz, kein Hinweis vielleicht auf
einen erklärenden Zusammenhang eines Bibelzitates. Nur dieser einzige Satz!
Nie werde ich diesen Anblick, diesen Schlag ins Gesicht schwerstkranker Menschen, diese
unüberlegte Geschmacklosigkeit und die Mißachtung der Würde eines Menschen vergessen.
Damit dieses Erlebnis nicht im Verborgenen bleibt, habe ich es hier aufgeschrieben und
veröffentlicht.
© G. Zander-Schneider, Dezember 2011
Seit über einem Jahrzehnt widme ich mich nun schon dem Thema Alzheimer und Demenz. Viel ist in dieser Zeit in Bewegung gekommen, vieles habe ich dazu
gelernt und auf den Weg bringen können.
Viele Menschen haben meinen Weg gekreuzt. Mit zahlreichen Angehörigen stehe ich seit langer Zeit in engem Kontakt. Wir alle haben einen uns nahestehenden
Menschen, der an Alzheimer Demenz erkrankt ist oder war.
Und es ist in der Tat so, dass dieses Erleben uns einander näher bringt und verbindet.
Eine dieser Angehörigen ist Königin Silvia von Schweden. Auch ihre Mutter ist genau wie meine an den Folgen der Alzheimer Demenz verstorben. Auch uns beide verbindet dieses Erlebte. Und so setzen wir uns beide dafür ein, dass für Betroffene und ihre Angehörigen das Leben trotz dieser Erkrankung lebenswert bleibt
© G. Zander-Schneider, Januar 2012
Alzheimer – Was hilft gegen das Vergessen?
Donnerstag, 12.01.2012 um 17.55 Uhr /xenius.Arte TV.de
Nach neuesten Schätzungen sind weltweit 34 Millionen Menschen von Alzheimer, der häufigsten Art von Demenz, betroffen.
In Deutschland und Frankreich leiden etwa 1,6 Prozent der Bevölkerung darunter. Tendenz steigend, denn die Menschen werden immer älter. “X:enius” zeigt,
was Alzheimer wirklich bedeutet – und wie man trotz dieser Krankheit in Würde leben kann.
U.a. mit Gabriela Zander-Schneider in einem Beitrag über Früherkennung und Diagnose. Sehr gut recherchierter Beitrag. Von Caro Matzko und Gunnar Mergner
sehr einfühlsam und mit viel Sachverstand dokumentiert.
Dienstag, 31.01.2012
Rudi Assauer (67) ist laut Medienberichten vom 31.01.2012 an Alzheimer Demenz erkrankt.
Rudi Assauer hat frühzeitig reagiert und seine häufigen Black outs zum Anlass genommen der Ursache auf den Grund zu gehen.
Bereits 2010 hatte er sich in einer Memory Klinik untersuchen lassen. Dort wurde auch die Diagnose Alzheimer Demenz gestellt.
„Warnzeichen frühzeitig erkennen und ernst nehmen ist der entscheidende Schritt für eine frühzeitige Diagnose und Behandlung“ so Gabriela Zander-Schneider,
Vorsitzende der Alzheimer Selbsthilfe e.V. „Eine frühzeitige Therapie kann den Verlauf durchaus positiv beeinflussen und damit trotz der Diagnose Alzheimer
ein erfülltes Leben ermöglichen.“
Die wichtigsten Warnzeichen in Stichworten:
1. Vergesslichkeit
2. Routineaufgaben bereiten Schwierigkeiten
3. Wortfindungsstörungen
4. Probleme bei örtlicher und zeitlicher Orientierung
5. Falsches Einschätzen von Situationen
6. Probleme beim abstrakten Denken
7. Verlegen von Gegenständen
8. Häufige Stimmungsschwankungen
9. Veränderungen der Persönlichkeit
10. Antriebsmangel
Wer bei sich oder einem einem Familienangehörigen mehrere der Warnzeichen über einen längeren Zeitraum beobachtet sollte zur Abklärung auf
jeden Fall den Hausarzt aufsuchen. Er kann erste grundlegende Untersuchungen wie Tests usw. durchführen. Er kann aber auch abklären,
ob es sich eventuell um eine andere behandelbare Erkrankung handelt, denn nicht immer muss es sich bei einzelnen vorgenannten Symptomen auch um Alzheimer handeln.
Im Bedarfsfall wird er zur weiteren Abklärung an einen Facharzt oder in eine Gedächtnisambulanz/Memory-Klinik überweisen.
Mehr zum Thema Früherkennung, Diagnose, Therapie und Verlauf auf
www.alzheimer-selbsthilfe.de
Sind Sie meine Tochter?
Leben mit meiner
alzheimerkranken Mutter
Gabriela Zander-Schneider
ISBN: 978-3-499-62189-5
3. Auflage
November 2011
Taschenbuch, 224 Seiten
EUR 8,99
Protokoll einer Vernichtung
Gabriela Zander-Schneider
Wolfgang J. Schneider
ISBN: 978-3-00-032858-9
Taschenbuch, 226 Seiten
EUR 12,95
© Gabriela Zander-Schneider, Januar 2011 | Home | Impressum | Haftungsausschluss